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"Dienst-Leistung-Kunst"
Impulsreferat
für die OpenBusinessCommunity Lübeck
(www.openbc.com) am 6. Juli 2004
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"Wirtschaft und Kunst sind zwei ausdifferenzierte, autonome soziale
Systeme, die sich deutlich differenzieren . Kunst und Wirtschaft sind
durch zwei Schnittstellen voneinander getrennt. Die Schnittstellen sind
nicht kompatibel - wären sie es, würden wir beide Systeme nicht unterscheiden
können.
Versuche in den letzten Jahren u. a. seitens des Bundesministeriums
Wirtschaft und Arbeit, das auch für Kulturpolitik der Bundesregierung
zuständig ist, die Künstler und Kunstszene zu Unternehmern zu machen
sind bekannt -> Existenzgründerinitiativen in NRW, Broschüren etc. ->
letzendlich zielen all diese Aktivitäten darauf ab, wirtschaftpolitische
Löcher statistikfreundlich zu beheben.
Dabei wird m. E. aber die prinzpiell unterschiedliche und wichtige Funktion
beider in der Gesellschaft übersehen.
Die Differenzierungsmerkmale, sprich Kategorrien der Wirtschaft sind
Zahlung oder Nicht-Zahlung. Alle anderen möglichen Ereignisse in der
Welt unserer Gesellschaft werden nur z. K. genommen, wenn sie sich auf
diesen Code beziehen lassen d. h. in Zahlungsbereitschaft für Dienstleistungen
und Produkte umsetzen lassen.
Investitionen werden getätigt, wenn Gewinnerartung, sonst nicht. Wertschöpfung
in der Wirtschaft entsteht nicht beim Endkunden. Sie entsteht an jedem
Punkt der Wertschöpfungskette, der von einem mehr oder weniger parasitären
Interesse als solcher identifiziert wird. xxx xxx
Die Kategorien der populären Kunst sind - sehr stark vereinfacht
- schön oder hässlich.
Der Code ist evtl. nicht so klar binärisiert, aber er definiert klar,
was Kunst ist und was nicht.
Kunst sucht das Riskante, das gerade noch gelingende, das fast gescheiterte
Werk oder Ereignis. Die Abgrenzung ist weniger stark als die der Kategorien
zahlt oder zahlt nicht. xxx xxx
Eigentlich müsste die Wirtschaft ein Interesse an der Kunst haben, weil
diese ein Modell der eigenen Ausdifferenzierung gefunden zu haben scheint.
Ein Modell, das nicht über die Technik "Bedienung exogen gegebener und
zahlungskräftiger Bedürfnisse", sondern über die Technik "Kommunikation"
geht.
Jedes Kunstwerk arbeitet an dem Problem, als solches zur Kenntnis genommen
zu werden. Darin steckt eine Kompetenz, die eine Wirtschaft auf der
Suche nach knapp gewordenen Kunden beeindrucken muss.
Aber es gibt noch einen anderen Aspekt, der die Inkompatibilität ausmacht.
Die Kunst verdankt Ihre Ausdifferenzierung einer Funktion, ie sie in
der Gesellschaft erfüllt. Und gerade dann erfüllt, wenn sie dieses am
meisten ablehnt.
Wirtschaft erfüllt Funktionen des Bedürfnisses und legitimiert damit
jegliche Zwischenschritte. xxx xxx
Die Funktion der Kunst in der Gesellschaft ist, die Wahrnehmungsfähigkeit
der Bewusstseinsysteme zu adressieren, die Umwelt der sozialen Systeme,
ihrer eigenen, die der Wirtschaft.
Dabei gilt klar zu unterscheiden: Wahrnehmung und Bewusstsein einerseits
und unsere äußerst eingeschränkten Mittel der Kommunikation andererseits.
(...ich nehme wahr, und versuche die Komplexität zu kommunizieren -
unmöglich!)
Die Kommunikation stellt uns Möglichkeiten zur Verfügung, Eindrücke
und Vorstellungen auszutauschen: Gedichte, Bilder, Lieder, Gesten, in
denen das Bewusstsein erkennen kann, welch reiche Fülle von Wahrnehmungen
es unmöglich kommunizieren kann.
Kommunikation ist mit der Wahrnehmung immer schnell fertig. Sie adressiert
sie, macht sie zum Thema und baut sie ein in die Reproduktion von Kommunikation.
Aber Wahrnehmung selbst bleibt in der Eigenwelt des Bewusstseins. Daran
erinnert die Kunst, macht aufmerksam und weckt immer wieder Interesse.
Die Funktion der Kunst ist, dem Bewusstsein zu erlauben, sich an Kommunikation
zu beteiligen, die wiederum Wahrnehmungen ermöglicht. Kunst beobachtet,
überwacht die Grenze zwischen Kommunikation und Bewusstsein, sie macht
sie sichtbar, erlebbar oder überspielt sie auch.
Je weniger allgemeine Probleme und Aufgaben an zentrale Institutionen
gestellt und dort gelöst werden, desto unverzichtbarer ist die Kunst,
als Motor, als Lehrer, als Überwacher.
Das gilt auch für den Gesellschaftsbereich Wirtschaft. Es gilt auch
dort, Formen zu finden, den Bewusstseins-Systemen von Mitarbeiterin,
Kollegen, Kunden, Öffentlichkeit die Differenz der Bewusstseinssysteme
bewusst zu machen und sie zu akzeptieren.
Bewußtseine neigen dazu, sich lieber unterhalten zu lassen, als sich
auf die Kunst einzulassen. Die Unterhaltung überspielt die Differenz
zwischen Kommunikation und Bewusstsein. Die Kunst macht die Differenz
zum Ereignis.
Spätestens hier wird das Schnittstellenproblem von Kunst und Wirtschaft
mehr als deutlich, denn Wirtschaft lebt von der Nihilierung der Differenz
- bisher. Vielleicht könnte in Zeiten der individualisierten Dienstleistungs-
und Produktbedürfnisse ein Erfahrungsaustausch zunehmend interessant
werden."
Viel Freude am Weiterspinnen und/oder Wiederlegen dieser Überlegungen!
-> Kontakt
Ute Elisabeth Herwig
Barnitz
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